Warum die Kirche in der Welt von morgen jüdischer sein wird
von Jobst Bittner
Wir leben in der westlichen Welt in einer Zeit der Entkirchlichung. Im Jahre 2030 wird vermutlich weniger als die Hälfte der bundesdeutschen Bevölkerung einer christlichen Kirche angehören. Zunehmend werden Stimmen laut, die auf diesem Hintergrund die Existenz der Kirchen in der heutigen Form in Frage stellen.[1] Während zahlreiche amerikanische Gemeinden sich immer weiter von der zentralen Botschaft des Kreuzes entfernen und sie mit einer christlich-humanistischen „Hyper – Grace“ Botschaft eingetauscht haben, erleben wir in Deutschland eine unaufhaltsame Erosion der evangelischen und katholischen Kirche. 2022 traten nach den neuesten Schätzungen in Deutschland mehr als 900.000 Menschen aus der Evangelischen und Katholischen Kirche aus.[2] In zahlreichen Städten stehen Kirchen leer und werden verkauft, der klerikale Nachwuchs fehlt.
Statistiken zeigen, dass die Mehrheit von den aus den Kirchen ausgetretenen Menschen nicht weniger an Gott glauben als zuvor. Die Hauptgründe sind laut Studien vielmehr Kritik an der Institution Kirche und Kirchensteuern.[3]Es ist naheliegend, dass u.a. die Missbrauchsaffären und ein entleertes Evangelium zu diesem Massenexodus aus der Kirche geführt haben. Was aber geschieht mit den Millionen Menschen, die aus Enttäuschung oder unerfüllten Erwartungen die Kirchen verlassen haben? Sie sind wie „Schafe“ ohne Hirten, die sich inmitten ihrer Lebenskrisen mit ihren Problemen allein gelassen fühlen. Es ist offensichtlich, dass sich in den nächsten Jahren die kirchliche Landschaft nachhaltig verändern wird. Doch Krisen bieten immer auch die Chance zur Erneuerung und Reformation.
Die zukunftsfähige Kirche in Jerusalem
Die Frage, wie die Kirche[4] von morgen zukunftsfähig sein kann, lenkt unseren Blick auf das Leben der frühen Gemeinde in der Apostelgeschichte. Die Jerusalemer Urgemeinde war keine theologische Fiktion, es gab sie wirklich! Sie hatte eine Vollmacht, der die synkretistische Welt der damaligen Zeit nicht widerstehen konnte. Achtzig Jahre nach dem Pfingstereignis schrieb der Kirchenhistoriker Plinius in seinem Brief an Kaiser Trajan, dass in Ephesus die meisten Götzentempel fast verlassen waren und sich „die Seuche des Aberglaubens nicht nur über die Städte, sondern auch über die Dörfer und das flache Land“ ausgebreitet hatte![5] Warum hatte die Gemeinde eine so große Autorität, dass sie derart wachsen und die Widererstände siegreich überwinden konnte? Sie war in ihrem Wesen eine jüdische Gemeinde, die ich als eine Gemeinde mit dem „Geist der Söhne Zions“ beschreiben würde. Das jüdische Erbe der Jerusalemer Urgemeinde war offensichtlich der Saft, aus dem die frühe Kirche ernährt wurde und durch Pfingsten eine besondere Kraft bekommen hat.
Inzwischen mehren sich die Stimmen neutestamentlicher Theologen, die betonen, dass die Kirche von der Wurzel her mit Israel radikal verbunden ist.[6] Obwohl der christlich-jüdische Dialog in der evangelischen und katholischen Kirche kräftig an Fahrt aufgenommen hat, ist diese Entwicklung bisher nur sehr mühsam in die lokalen Kirchen oder Freikirchen durchgedrungen.
Die Tragödie von Nizäa
Das Christentum begann in Jerusalem als eine jüdische Kirche. Nach etwa einem Jahrhundert änderte sich das Bild und hellenistische Christen bildeten die Mehrheit. Die konstantinische Wende (313) erhob die über 200 Jahre lang verfolgte Kirche zu einer Staatsreligion und machte sie zu einer rechtlich privilegierten Institution. Konstantin trennte auf dem Konzil von Nizäa (325 n.Chr.) die Kirche endgültig von ihrem jüdischen Erbe. Die 200 teilnehmenden Bischöfe erließen strenge Vorschriften, die einen Umgang mit den Juden verboten und unter Strafe stellten.[7] Die Kirche hatte sich damit einer ihrer größten Segensquellen beraubt. Ich nenne das die Amputation der jüdischen Herkunft und Identität von der frühkirchlichen Ekklesiologie. Die Tragödie von Nizäa schuf nicht nur eine Spaltung zwischen der Kirche und den Juden, sondern legte die Grundlage für einen 2000 Jahre alten kirchlichen Antisemitismus, Pogrome und Judenmord, der schließlich den Weg für den Holocaust bereitet.
Die „Zions-Ekklesiologie“
Ich bin davon überzeugt, dass wir die kirchenhistorische Spaltung nur durch eine „Zions-Ekklesiologie“ überwinden können. Wenn Sie das Wort „Zions-Ekklesiologie“ in einer Dogmatik suchen, werden Sie es sehr wahrscheinlich nicht finden. „Zion“ heißt der Berg in Jerusalem, auf dem der Tempel Jahwes stand, wird aber ebenso als Begriff für Jerusalem und auch für Israel verwendet. Die „Zions-Theologie“ umfasst ein theologisches Konzept, in dem von einer universalen endzeitlichen Bedeutung Jerusalems ausgegangen wird.[8] Eine „Ekklesiologie“ wiederum ist die „Lehre von der Kirche“. Das Wort „Zions -Ekklesiologie“ meint also, dass, so vielfältig die Lehren von der Kirche sind, die zentrale Heilsbedeutung Israels in ihnen anerkannt und in den Mittelpunkt ihres theologischen Denkens gestellt wird.
Ein historischer Wendepunkt
Wir stehen an der Schwelle zu einer der wichtigsten Umwälzungen der Kirchengeschichte. Seit der konstantinischen Wende war die Kirche eine Staatskirche, durch die die Religionszugehörigkeit „de jure“ festgelegt war. Heute befindet sich die Kirche in der westlichen Welt an einem historischen Wendepunkt von der Staats- zu einer Freiwilligenkirche. Die Postmoderne hat aus braven Kirchenbesuchern Individualisten gemacht, die mit ihren Füßen abstimmen, ob ihnen ihre Gemeinde gefällt oder nicht. Diese Entwicklung stellt die großen Kirchen vor eine gewaltige, ungewohnte Herausforderung: Plötzlich kann sie nur noch überleben, wenn sie so attraktiv wird, dass die Menschen gerne und freiwillig zu ihr kommen![9] Und so befindet sich die Kirche auf dem Weg, wieder das zu werden, was sie ursprünglich war: Eine Freiwilligenkirche von entschiedenen Jesusnachfolgern, die in der Jerusalemer Urgemeinde die elementaren Kennzeichen[10] der Kirche aus Apg 2,42 wieder neu entdeckt.
Und wie sieht es mit den Freikirchen, ob etabliert, unabhängig, traditionell oder neu aus? Ihr Leben und ihre Gestalt sind so unterschiedlich wie ihre Ekklesiologie. Unabhängig von ihrer theologischen Unterschiedlichkeit tragen sie das Nizänische Kainsmal auf ihrer Stirn. Das Gift der Ersatztheologie wird meistens nicht bewusst wahrgenommen, wirkt aber wie eine erodierende Kraft. Bei den charismatisch geprägten unabhängigen Gemeinden ist es nicht anders. Da sie bisher kaum eine eigenständige Ekklesiologie entwickelt haben, leben sie je nach Herkunft ihrer Gründungspersönlichkeiten in der Kontinuität einer traditionellen Ekklesiologie.[11] Meistens ist ihnen das Jerusalemer Modell der Urgemeinde von Apg. 2,42- 46 wichtig und vertraut. Die Segensquellen des jüdischen Erbes sind ihnen jedoch häufig fremd und lassen sie seltsam unberührt.
Die zukunftsfähige Kirche
Ich bin davon überzeugt, dass wir auf eine Zeit zugehen, in der Kirchen und Gemeinden mit einer wiederhergestellten „Zions -Ekklesiologie“ sich finden und miteinander verbinden werden. Sie alle ehren die Erwählung des jüdischen Volkes und Israels und möchten das sichtbar leben. Sie haben die jüdische Identität Jesu und der Apostel anerkannt und erkennen die Berufung, die sie „in Christus“ haben. Sie sind keine Spezialisten im Feiern der jüdischen Feste, aber sie lieben es, jüdische Feste zu feiern und darin die Tiefe der prophetischen Offenbarung Gottes zu erkennen. Sie leben nicht nach dem jüdischen Sittengesetz, aber sie ehren die Torah, weil sie durch die Liebe Gottes in ihr Herz geschrieben worden ist. Sie ehren das koschere Essen ihrer jüdischen Freunde, aber sie halten alle Speisen für rein (Mk 17,19). Sie entdecken den Segen des Shabbats, feiern aber mit Freude am Sonntag ihren Gottesdienst. Sie wollen um Zions Willen nicht mehr schweigen und erheben deswegen ihre Stimme gegen jede Form von Antisemitismus und Judenhass. Wie wäre es, wenn unter diesem Vorzeichen engagierte Christen, ebenso wie Kirchen, Gemeinden und Organisationen, sich finden und zusammenbinden?[12]
Die Braut, die sich aus der Trümmerlandschaft erhebt
Kann es sein, dass wir in einer Zeit der Entkirchlichung den Schöpfungsprozess einer christlichen „Ecclesia“ erleben, die mit Freude die hebräischen Segenswurzeln ihres Glaubens entdeckt und als Gemeinschaft der Glaubenden neu die elementaren Kennzeichen der Jerusalemer Urgemeinde (Apg. 2,42) lebt? Sie hat in ihrer Ekklesiologie Gottes Heilsplan mit Israel und der Gemeinde eine zentrale Stellung gegeben. Jetzt trägt sie, trotz aller Unterschiedlichkeit, die eschatologischen Kennzeichen der wiederhergestellten Braut, die sich mit neuer Kraft aus der geistlichen Trümmerlandschaft eines ehemaligen christlichen Abendlandes erhebt. (Offb 22,16.17)
Die zukunftsfähige Kirche von morgen wird ihre Lehre und gottesdienstliches Leben neu nach dem Wort Gottes ausrichten und das Evangelium mit neuer Kraft vollmächtig verkündigen. Sie wird relevant sein für die dringenden Fragen der Gegenwart – und sie wird jüdischer werden. Sind wir dazu bereit?
Mehr von Jobst Bittner auf: jobstbittner.com
Jobst und Charlotte Bittner sind Gründer und Leiter der TOS. Sie sind zusammen mit dem TOS International Board, das ist das Leitungsgremium des Gesamtwerks mit Vertretern aus Gemeinden und Diensten, für die Leitung des Gesamtwerks verantwortlich.
[1] Ingrid Schneider, Die Relevanz der Kirche im 21. Jahrhundert – ein integraler Blick auf ein drängendes Thema. Abrufbar unter //https://www.futur2.org/article; 17.07.23.
[2] Statista: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/4052/umfrage/kirchenaustritte-in-deutschland-nach-konfessionen/; 17.07.2013.
[3] https://www.kirchenaustritt.de; 17.07.2023.
[4] Ich verwende den Begriff Kirche in der allgemeinen griechischen Wortbedeutung der ἐκκλησία als die Versammlung und Gemeinschaft der Gläubigen.
[5] Plinius, Briefe 10, 96 u.a. in: Adolf Martin Ritter, Alte Kirche. Kirchen -und Theologiegeschichte in Quellen; Neukirchen – Vluyn, 9. Auflage 2007.
[6] Thomas Söding, Eine Kirche für alle; Ekklesiologie des Neuen Testaments, Skriptum der Vorlesung im Sommersemester 2010, S.27.
[7] Eusebius, Vita Const., Lib III 18-20.
[8] Simone Paganini; Annett Giercke -Ungermann; Art: Zion / Zionstheologie, WibiLex 2013.
[9] Vergleiche Markus Till, Kirchengeschichte live – so spannend wie nie zuvor. Aufatmen in Gottes Gegenwart. Der Blog, vom 19.08.2018. Abrufbar unter: https://blog.aigg.de/?p=4313; 17.07. 2023.
[10] Die elementaren notae ecclesiae von Apg. 2,42: Lehre der Apostel – Gemeinschaft – Brotbrechen – Gebet.
[11] Peter Zimmerling, Die charismatischen Bewegungen. Theologie – Spiritualität – Anregungen zum Gespräch; Göttingen 2002, S. 391.
[12] Wer sich über die ACTS 2,42 Community informieren und verlinken möchte ist dazu herzlich eingeladen: https://acts242.tos.info/
